Neuerwerbungen

Buscher / Schmitt: Mädchen mit Schmetterling / Psyche

31.05.2016 09:00

Thomas Buscher (1860-1937) / Balthasar Schmitt (1858-1942) (?)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thomas Buscher (1860-1937)

Balthasar Schmitt (1858-1942) (?)

Mädchen mit Schmetterling / Psyche

zwischen 1892 und 1900

Bronze, rotbraun changierend patiniert

32,6 x 8,1 x 8,1 cm

Inv.-Nr. 2015.309

 

seit März 2016 Dauerleihgabe im Gamburger Buscher Museum

 

 

 

Der Darstellungstypus einer Kleinplastik, die sich seit kurzem im Besitz von LETTER Stiftung befindet, läßt sich auf eine Erfindung des späten 18. Jahrhunderts zurückführen. In zwei nur leicht voneinander abweichenden, oft kopierten Varianten schuf Antonio Canova in den 1790er Jahren eine flügellose Psyche als Einzelfigur mit Schmetterling. Letzterer sitzt flugunfähig auf Psyches vor die Brust erhobener linker Handfläche, während sie mit den Fingerspitzen der Rechten seine Flügel festhält.

 

Etwa 30 Jahre später variierte James Pradier Canovas Darstellung, mit noch stärkeren Reminiszenzen an die sog. Aphrodite von Melos, insbesondere im Standmotiv.

 

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Antonio Canova

Psyche

1789-1791

Marmor

152,0 x 50,0 x 45,0 cm

Liverpool, Ince Blundell Hall

James Pradier

Psyche

1824

Marmor

H. 158,0 cm

Paris, Museé du Louvre, Inv.-Nr. CC 8

 

Neu bei Pradier war die Entblößung des Schoßes durch ein Herabgleiten des Hüfttuches, gleichzeitig lassen die über der Brust verschränkten Arme den Blick auf die linke Brust frei; der Schmetterling auf dem linken Oberarm, nach dem Psyche mit der Rechten greift, lenkt den Betrachterblick zusätzlich dorthin. Mit dieser Darstellung traf Pradier den Nerv seiner Zeit und seine Psyche fand, ebenso wie Canovas Vorbild zuvor, als kleinplastische Kopie weite Verbreitung.

 

Dominiert bei Canova das philosophische Moment des Nachdenkens der Psyche über ihr eigenes Wesen, so verbindet sich bei Pradier die erotische Verspieltheit französischer Salonplastik des 19. Jahrhunderts mit der Rezeption antiker Vorbilder. Die vorliegende Kleinplastik geht auf eine formale wie inhaltliche Vereinfachung des Darstellungstypus zurück, die im deutschsprachigen Raum um 1900 in zahlreichen Versionen nachweisbar ist.

 

 

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W. Nitchke (?)

Ohne Titel

Anfang 20.Jh.

Bronze, rötlich-braun patiniert

H. 19,0 cm, inkl. Sockel 26,0 cm

Privatsammlung

 

 

 

 

Thomas Buscher und

Balthasar Schmitt (?)

Mädchen mit Schmetterling

Detail: Künstlerbezeichnung

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In der vorliegenden Variante des Motives fällt das Hüfttuch völlig weg und der Griff nach dem Schmetterling weicht einer reinen Betrachtung. Auf dem Rücken der rechten Hand sitzend, die auf Höhe des Schlüsselbeins etwa mittig vor den Körper erhoben ist, mag er eher als Vanitas-Symbol auf die Vergänglichkeit der unschuldigen Jugend hinweisen, die sich hier präsentiert, als auf menschliche Seelenabgründe. Trotz vollkommener Nacktheit ergibt sich keine erotische Spannung, weder im Spiel eines Ver- und Entbergens durch Stoff oder Armhaltung, noch in Interaktion mit dem Schmetterling. Sind das Spiel mit und die Kontrolle von dessen "Flatterhaftigkeit" Kerninhalt der Vorbilder, die sich damit an einer Darstellung des "weiblichen Wesens an sich" versuchen, so handelt es sich hier tatsächlich primär um ein "Mädchen mit Schmetterling", dessen äußere Gestalt dem Typus der Psyche folgt, doch ohne deren Sinngehalt. Hier zeigt sich keine Konkurrentin der Venus und Mutter der Voluptas, sondern ein einfaches Mädchen in unschuldiger Nacktheit, das sich an den Schönheiten der Natur und ihrer eigenen - freilich, wie der Vanitas-Schmetterling, vergänglichen - Jugend erfreut.

 

Bei dem vorliegenden Objekt handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein bislang nicht dokumentiertes Gemeinschaftswerk von Thomas Buscher und Balthasar Schmitt, die in den 1890er Jahren ein gemeinsames Atelier in München betrieben. Beide Künstler waren auch über das Geschäftliche hinaus freundschaftlich und familiär eng verbunden. Belegbar war bislang allerdings lediglich die Zusammenarbeit im Bereich sakraler Großskulptur, nicht für profane Kleinplastik. Stilistisch ist eine Einordnung der Plastik in die 1890er Jahre plausibel, auch könnte die (bislang andernorts nicht nachgewiesene) Bezeichnung „B&SCH“ für eine gemeinsame Autorenschaft stehen. Die Ausführung des Gußes legt einen "konjunkturbedingten" Versuch zweier Bildhauer nahe, abseits der gewohnten Pfade zu experimentieren; man wird hier wohl einen möglicherweise unikal gebliebenen Versuch annehmen dürfen, ein beliebtes, leicht verkäufliches Motiv als Ausgleich zur sakralen, vom Auftraggeber abhängigen Großskulptur zu schaffen. Seit März 2016 bereichert die „Psyche“ als Dauerleihgabe die ständige Präsentation des Gamburger Buscher Museums.

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