Wer kennt es?

„Die Sachsen an der Beresina“

01.12.2018 09:00

Folge von 27 Lichtdrucken nach aquarellierten oder lavierten Feder- bzw. Bleistift- / Kreidezeichnungen mit Feder.

 

 

 

 

 

 

Paul Schmidt-Roller

Die Sachsen an der Beresina

 
Einband aus olivgrünem, strukturiertem Karton,
auf Vorderdeckel vertiefte typographische Titelprägungin Gold,
auf Rückdeckel typographisch gedruckte Angabe der Druckerei;
mit grün-weißer Kordelbindung und Klammerheftung eingebunden
27 Lichtdrucke in Schwarzbraun nach aquarellierten oder lavierten
Federzeichnungen sowie Bleistift- und / oder Kreidezeichnungen
mit Feder, auf chamoisfarbenem, festem Velin,
mit zwischengebundenen Seidenpapier-Trennblättern

wohl 1917

ohne Verlagsangabe (Druck: Zwickau, Druckerei Förster & Borries)

22,7 x 30,5 cm (Umschlag)

20,8 x 29,5-29,6 cm (Maße Blätter)

Inv.-Nr. 2017.148.000-2017.148.027

 

Urheber ist der Zwickauer Künstler Paul Schmidt (1891-1963). Der spätere Namenszusatz „Roller“ geht auf einen Spitznamen zurück, den er seiner Verkörperung der Figur in Friedrich von Schillers Drama „Die Räuber“ verdankte. Nach Besuch der Königlich-Sächsischen Kunstschule für Textilindustrie Plauen 1905-1909 arbeitete er als Textilgestalter. Der Erste Weltkrieg verhinderte den Besuch der Königlichen Kunstakademie Dresden, wo ihn ein Stipendium erwartete. Schmidt-Roller war mit dem I. (sächsischen) Bataillon – ab Juni 1915 dem Infanterie-Regiment Nr. 329 zugeordnet – bis März 1918 an der Ost- und dann bis Kriegsende an der Westfront. Im heutigen Weißrußland entstand das hier vorgestellte Werk. Der noch unbearbeitete Nachlaß befindet sich in den Kunstsammlungen Zwickau, darunter ein Skizzenbuch und Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg. Nach dem Krieg freischaffender Maler und leitender Zeichner in der Spitzenindustrie, lehrte Schmidt-Roller ab 1930 an der Staatlichen Kunstschule für Textilindustrie in Plauen. Dort zerstörten 1945 Bomben sein Haus und zahlreiche Werke. Später war er Vorsitzender des Gebietes Zwickau im „Verband Bildender Künstler Deutschlands“ (VBKD) und Malerei-Dozent an der Mal- und Zeichenschule Zwickau. Bei Studieneinsätzen zur Aktion „Kunst hilft Kohle“ schuf er Darstellungen von Bergarbeitern. Zwickau verlieh ihm 1960 den „Max-Pechstein-Preis“, 1961 und 2010 veranstaltete das Städtische Museum Jubiläumsausstellungen.

 

Die Auflösung des Monogramms und die Identifizierung des Künstlers werden seiner Großnichte verdankt, Frau Annelie Witte, die selbst eines der Hefte besitzt. Als eines von über 400 Beispielen wird das Werk im 2020 erscheinenden „Handbuch druckgraphischer Zyklen zum Ersten Weltkrieg“ verzeichnet sein.

 

 

 

Hier nochmals der ursprüngliche Text unseres "Wer kennt's":

 

Über den Urheber dieses Werkes wissen wir bislang wenig mehr als seine Initialen: S.P. So signierte er Zeichnungen vom Einsatz im I. (sächsischen) Bataillon während des Ersten Weltkrieges. Dieses gehörte seit dem Juni 1915 zum Infanterie-Regiment Nr. 329 und war als Teil der deutschen 83. Infanterie-Division im heutigen Weißrußland eingesetzt. Die Division bestritt von Ende September 1915 bis April 1917 Stellungskämpfe an den Flüssen Beresina (Bjaresina), Olschanka und Krewljanka.

 

Vor allem die dabei entstandenen Befestigungsbauten dokumentierte der vermutlich nicht akademisch ausgebildete Künstler in insgesamt 27, zumeist 1916 (in einem Fall auf 1917) datierten Darstellungen. Im Lichtdruck vervielfältigt, bilden sie das in der Zwickauer Druckerei Förster & Borries hergestellte Heft „Die Sachsen an der Beresina“. Die Technik der Originale – sorgfältig und womöglich farbig ausgeführte Handzeichnungen – ist nicht sicher bestimmbar. Die Publikation richtete sich an die Kameraden und wohl auch Vorgesetzten des Künstlers. Solche Werke dienten nicht nur der Erinnerung, sondern auch als Anschauungsmaterial für die Angehörigen an der „Heimatfront“. Die mit Liebe zum Detail gestalteten Darstellungen zeigen außer der meist menschenleeren Landschaft die verschiedensten Arten der im Hinterland der Front durch die Soldaten errichteten Behausungen.

 

Häufig arrangierte der Zeichner verschiedene Ansichten – gleich einem Photo-Album – zu einer Komposition. Viele Bilder tragen vergleichbare informative Aufschriften.

 

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Aus der Stellung des I. Bataillons des Infanterie-Regiments 329, Rußland 1916, Inv.-Nr. 2017.148.002

 

Der hier dargestellte „Hoffmannsbau“ ist wohl nach General Max Hoffmann benannt, einem Strategen im Stab Paul von Hindenburgs (diesen zeigt Bild 01) und Erich Ludendorff sowie schließlich Generalstabschef beim deutschen Oberbefehlshaber Ost. Bislang unidentifiziert ist der Ort Slaikowschtschisna (auf anderen Darstellungen Sleikowschtschisna und Sleikowschzisna). Vergleichbare, von S.P. gezeichnete Befestigungsbauten sind die „Kronprinz-Georg-Feste“, benannt nach dem an Ost- wie Westfront als Generalstabsoffizier eingesetzten Kronprinzen. Auch schon vorhandene Örtlichkeiten erhielten deutsche Namen, etwa die markante „Sachsen-Kiefer“ oder die nach Zu-Wischnew (eine weitere ansonsten nicht nachgewiesene Ortschaft) führende „Tröger-Straße“.

 

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Zugführer-Unterstand „Glück-Auf“, Inv.-Nr. 2017.148.026

 

Der Versuch, in der Fremde Heimat zu schaffen, setzt sich in der Gestaltung der auf Zeit errichteten, aber aufgrund ihrer individuellen Architektur kaum mehr provisorisch wirkenden Behausungen fort.

 

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Offiziers-Kasino, Inv.-Nr. 2017.148.011

 

Das Offizierskasino wartete mit Annehmlichkeiten auf: In von den Rekruten (auch künstlerisch) ausgestatteten Räumen fanden sich die höherrangigen Militärs zum mehr oder weniger geselligen Beisammensein ein. Ruhe fand man im Lesezimmer.

 

Bei aller dokumentarischen Genauigkeit mancher Kompositionen fehlen – anders, als bei den meisten vergleichbaren Publikationen dieser Zeit – nicht nur die Angaben zum Zeichner, sondern auch zu möglichen Auftraggebern. Vielfach war dies das Regiment bzw. dessen Kommandeur selbst, und nicht selten begleitet ein Text zum Einsatz, etwa in Form eines Vorwortes, die Veröffentlichungen.

  

Weitere Hinweise zur Identität des Künstlers sowie zum Einsatz oder zur Identifikation der von ihm dargestellten Orte sind folglich willkommen!

 

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Kommentar von Annelie Witte | 02.01.2020

Sehr geehrte Damen u. Herren,
bereits vor einiger Zeit habe ich sie darüber informiert, wer sich hinter dem Kürzel S.P. verbirgt. Leider haben sie es versäumt, ihre entsprechende Internetseite zu berichtigen bzw. zu ergänzen.
Ich habe auch noch eine Feldpostkarte die ich ihnen als Kopie zur Verfügung stellen möchte. Bitt teilen sie mir ihre Postanschrift mit.
Bei dem Urheber der Zeichnungen handelt es sich um einen Großonkel von mir. Daher auch mein Interesse an der Richtigstellung ihrer Angaben.
MfG
Annelie Witte