Früh übt sich, wer ein Meister werden will
Das Gemälde „The Infant Academy (Die Kinderakademie)“ von Charles Hunt Jr. (1829–1900), das LETTER Stiftung vor einiger Zeit auf dem englischen Kunstmarkt erwerben konnte, zeigt einen spaßhaften Moment des kindlichen Rollenspiels: In einem Künstleratelier amüsieren sich drei Mädchen und zwei Jungen in einem unbeobachteten Moment mit den Malutensilien und Kunstwerken. Pinsel und Farbtuben haben sie auf dem Boden verteilt, die Dielen mit Farbe beschmiert und die Unterlagen aus dem Sekretär in der rechten Raumecke ausgeräumt.
Im Zentrum der Komposition steht eine Staffelei mit einer aufgespannten Leinwand. Hierum verteilen sich vier der fünf Kinder. Das Gemälde, ein Eselskarren mit gebrochenem Rad vor ländlicher Kulisse, wurde durch die unbeholfene Darstellung eines schwarzen Pferdes – oder doch eines Esels? – ergänzt, auf dem ein rot uniformierter Soldat mit erhobenem Schwert aufsitzt. Die auf dem Gemälde aufgebrachte Bezeichnung Going to Egypt [/] painted by Miss Hunt entlarvt die Urheberin der Übermalung. Die kleine Miss Hunt ist wohl das vor der Leinwand sitzende Mädchen. In rotem Kleid mit weißer Kittelschürze und in viel zu großen Schuhen (den väterlichen Hausschuhen?) steckend, den Kopf mit einem Fes bedeckt, hält sie Malstock, Palette und Pinsel in ihren Händen. So ausgestattet, hat sie das begonnene Werk mit ihrer Über- und Weitermalung gerade vollendet. Und sie scheint damit durchaus zufrieden zu sein!
Die Bedeutung des Titels Going to Egypt erschließt sich nicht unmittelbar aus dem Bildgeschehen. Zwar könnte ihre Kopfbedeckung als Inspiration für die imaginierte Reise gedient haben, doch 1882, also kurz vor der Entstehung des Gemäldes, fand der Anglo-Ägyptische Krieg statt. Eine Anspielung Hunts auf dieses politische Ereignis liegt daher nahe; zumal die Uniform des Soldaten derjenigen britischer Truppen der Zeit entspricht.
Eine um 1884 entstandene Farblithographie (Abb. 1) nach Hunts Original ergänzt indes oberhalb des Reiters noch die Aufschrift SiR CARDiNAL WOOLSEY (sic). Dieser läßt sich als Garnet Joseph Wolseley (1833–1913), britischer Befehlshaber im Ägyptenfeldzug, identifizieren und unterstreicht damit die Wahrscheinlichkeit der Anspielung auf diesen Krieg.
Die übrigen Kinder waren ebenfalls nicht untätig: Einer der Jungen, mit langen blonden Haaren und aufgemaltem Spitzbart, hat den geduldig stillsitzenden Hund mit weißem Häubchen auf einer bereits begonnenen Leinwand porträtiert und Toby, wie das Werk preisgibt, sogar noch eine Pfeife ins Maul gesetzt. Stolz stellt der Knabe sein Meisterwerk zur Schau. Er bemerkt dabei in seiner Unbekümmertheit nicht, daß er auf einer Graphik steht, die aus der Zeichenmappe neben ihm gerutscht ist.
Über der Gruppe hängt das Bildnis eines bärtigen Mannes, der mit schelmischem Blick dem Betrachter entgegenschaut. Auch hier hat sich jemand, wohl das ältere Mädchen im Malkittel hinter der Leinwand, verewigt und den Porträtierten mit Schwert und Medaille ausstaffiert. Es handelt sich bei ihm womöglich um den Künstler selbst oder seinen Vater, Charles Hunt Sr. (1803–1877), der für seine humorvollen Genredarstellungen von Kindern im Erwachsenenspiel, wie etwa „Children Acting the ‚Play Scene‘ from Hamlet, Act II, Scene II“ von 1863 (Abb. 2), bekannt war.
Daß der Schauplatz im familiären Umfeld des Künstlers zu verorten ist, beweisen nicht zuletzt die Bezeichnung Miss Hunt sowie motivisch verwandte Gemälde von Charles Hunt Jr. (Abb. 3). So blickten hier also Hunt Sr. oder Jr. als Vertreter einer vorangegangenen Künstlergeneration auf die nächste.
Mundus Inversus - Verkehrte Welt
Darstellungen, in denen gesellschaftliche Rollen und Hierarchien auf den Kopf gestellt werden, sind seit der Antike bekannt. Das Motiv des Mundus Inversus, der Verkehrten Welt, findet sich zunächst etwa bei Tieren, die menschliche Rollen und Tätigkeiten übernehmen. Später folgen Kinder, die sich die Welt der Erwachsenen aneignen und deren Rollen übernehmen, etwa in Pieter Bruegels d. Ä. (1525/1530–1569) „Kinderspielen“ von 1560 im Kunsthistorischen Museum Wien.
Im 19. Jahrhundert waren Gemälde von Kindern, die Erwachsene imitieren, besonders beliebt. Zwei Atelierdarstellungen dieser Art befinden sich ebenfalls bei LETTER Stiftung: Johann Georg Meyers (1813–1886) „Junger Künstler“ und Louis Toussaints (1826–1887) Maleratelier mit Blumenmädchen und Modellpuppe“ (Abb. 4–5).
Nicht nur Malerei und Graphik sind dem Spieltrieb der Kinder ausgesetzt: Rechts im Bild bearbeitet ein Mädchen konzentriert eine Gipsreplik der Büste des „Apollo von Belvedere“. Der antiken Skulptur wurden ein Kopftuch und ein Umhang angelegt, nun folgt der gleiche Spitzbart, wie ihm schon Tobys Porträtist angemalt wurde. Visuelle Querverbindungen dieser Art schafft Hunt mehrfach: Den Spitzbart tragen Tobys Porträtist und Apollo, die Haube der Hund Toby und der sitzende Junge, der Soldat sowie der bärtige Porträtierte halten jeweils einen Säbel. Die scheinbar zufälligen Wiederholungen verbinden die Dargestellten und zeigen ihre (familiären) Beziehungen und wechselseitige Inspiration.
Auch die Wahl des „Apollo von Belvedere“ ist dabei mehr als ein beliebiges Detail: Das Studium antiker und altmeisterlicher Kunstwerke bildete noch bis weit ins 20. Jahrhundert einen wesentlichen Bestandteil der akademischen Ausbildung angehender Künstler. Indem Hunt Kopien wie diese in die Kinderakademie integriert, verweist er nicht nur auf sein eigenes Wissen, sondern stellt sich in die Tradition des allumfassend gelehrten Künstlers. Er verbindet die heitere Szene so mit tradierten Topoi der Kunstgeschichte.
Allein der vor der Staffelei sitzende Junge wirkt weniger erheitert als seine Gefährten: Er trägt eine Haube, seine Kleidung ist sauber und seine Brille sitzt tief auf der Nase. Anders als die anderen scheint er sich nicht künstlerisch betätigt zu haben, sondern das Geschehen zu beobachten und die Arbeit der anderen, ganz im Sinne eines Lehrers in der Akademie, zu bewerten. Seine Ernsthaftigkeit verliert allerdings schnell an Glaubwürdigkeit, sobald man auf seine Füße schaut – er trägt nämlich vertauschte Schuhe.
Auch hier verzerrt Hunt etablierte Bildinhalte ins Komische. Seit der Frühen Neuzeit ist das Künstleratelier nicht nur Ort der Produktion, sondern Schauplatz der Selbstdarstellung und -reflexion. Künstler zeigen sich bei der Arbeit, umgeben von Modellen, Kunstwerken und nicht zuletzt im Kreis anderer Künstler, Sammler und Kritiker – die Rolle, die das Kind mit Brille einzunehmen versucht. Bereits Diego Velázquez (1599–1660) macht das Atelier in seinen „Las Meninas“ von 1656 zum Schauplatz von Rollen und Repräsentation. Bis in das 19. Jahrhundert bleibt dieser Themenkreis bei Malern beliebt. So wird er etwa in Gustave Courbets (1819–1877) „Das Atelier des Künstlers“ von 1854/1855 oder Henri Fantin-Latours (1836–1904) „Un atelier aux Batignolles“ von 1870 fortgeführt, wo die Porträtierten als ernstzunehmende Persönlichkeiten und Vertreter einer neuen Künstlergeneration inszeniert werden.
An die Stelle gelehrter Künstler treten in Hunts Gemälde Kinder. An die Stelle ernsthafter Studien treten phantasievolle, teils absurde Ergänzungen. Die Kinder übernehmen die Werkzeuge, Posen und Attribute Erwachsener und versuchen, deren Tätigkeiten selbst auszuführen. Sie kopieren, verändern und erarbeiten aus vorhandenen Vorbildern eigene Bildideen – aus dem Künstleratelier wird so eine Kinderakademie. Hunt macht sich jedoch nicht über seine Vorbilder lustig, sondern eignet sich deren Grundprinzipien an und formt sie um. Hinter der unbekümmerten Szene verbirgt sich so eine Reflexion über Lernen, Nachahmung und Entwicklung. Die Porträtierten spielen also nicht nur „erwachsen“, sondern treten in die Fußstapfen früherer Künstlergenerationen, auch, wenn sie noch in zu großen Schuhen stecken. Denn früh übt sich eben, wer ein Meister werden will.
Aylin Maggiarosa
Vergleichs-Abb.:
Abb. 1: Unbekannt 19. Jh. (Lithograph) / Charles Hunt Jr. (Maler der Vorlage): „Mischief/ The Infant Academy (Unfug/ Die Kinderakademie)“, ca. 1884, Farblithographie, 64,9 x 92,7 cm
© gemeinfrei, Photo: https://www.meibohmfinearts.com/onlineArtShop/details/71#lg=1&slide=17
Abb. 2: Charles Hunt Sr.: „Children acting the 'Play Scene' from ‚Hamlet‛ Act II, Scene ii (Kinder führen die ‚Theaterszene‛ aus ‚Hamlet‛, 2. Akt, 2. Szene, auf)“, 1863, Öl auf Leinwand, 45,7 x 66,0 cm, USA, New Haven, Yale Center for British Art, Paul Mellon Fund, Inv.-Nr. B1975.5.2
© gemeinfrei, Photo: https://collections.britishart.yale.edu/catalog/tms:213
Abb. 3: Charles Hunt Jr.: „At the Crossing (Am Übergang)“, 1889, Öl auf Leinwand, 98,5 x 149,5 cm
© gemeinfrei, Photo: Tennants Auctions, https://tinyurl.com/42x5bcsh
Abb. 4: Johann Georg Meyer (?): „Junger Künstler“, zwischen 1864 und 1882, Öl auf Leinwand, 69,0 x 51,3 cm, Köln, LETTER Stiftung, Inv.-Nr. 2023.32
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Abb. 5: Louis Toussaint: „Maleratelier mit Blumenmädchen und Modellpuppe“, wohl nach 1850 und wohl vor 1875, Öl auf Leinwand, 56,5 x 49,5 cm, Köln, LETTER Stiftung, Inv.-Nr. 2024.73
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