Merkur mit der Weltkugel
Rudolf Saudek (Kolin 1880 - 1965 Prag)
Merkur mit der Weltkugel, 1915
Bronze, siebenteiliger Guß
100,4 x 65,2 x 45,3 cm
Inv.-Nr. 2026.7
© Photos: Jean-Luc Ikelle-Matiba, Bonn
Ein ungewöhnlicher Merkur
Obwohl zahllose Quellen und Überlieferungen Merkur ein vielfältiges Aufgaben- und Bestimmungsfeld zuschreiben, ist er uns vor allem als flinker und einfallsreicher Götterbote bekannt. Als solchen haben ihn die Künste über Jahrhunderte auch ins Bild gesetzt: Merkur ist rast- und ruheloser Wanderer, dabei beinah schwebend und mit seinen Attributen, dem Caduceus, Flügelhut und den Flügelschuhen, ausgestattet. So kennen wir ihn etwa aus Giambolognas berühmter Darstellung (Abb. 1). Abseits solcher geläufigen Merkurbilder entwarf der Bildhauer Rudolf Saudek (1880–1965) ein eher ausgefallenes Bild des jungen Göttersohns.
In der stattlichen Bronzeplastik entspricht Merkurs äußere Erscheinung noch weitestgehend den klassischen Vorstellungen: Er ist jung, von athletischer Statur und bis auf den charakteristischen Flügelhut unbekleidet.[1] Unüblich sind hingegen die dargestellte Körperhaltung und -aktivität. Der Bildhauer läßt den Gott auf einem mit floralem Dekor geschmückten und mit vier Widderköpfen ausgestattetem Jugendstilpostament platznehmen. Nicht allerdings, um sich seine Sandalen zu binden oder von einer seiner vielen Reisen – die er gemäß seiner Botenfunktion zu bestreiten hatte – auszuruhen, sondern vielmehr, um Schwerstarbeit zu verrichten. Mit einem schmalen Band umspannt er eine Weltkugel – Europa und Afrika en face – und hievt sie auf Höhe seines Schoßes. Der Erdball hat zwar nur die Größe eines Tischglobus, doch zeichnen sich an dem mehrfach um die Fäuste gewickelten Band das Gewicht und an den gespannten Muskeln an Rumpf und Armen die Kräfte ab, die der jugendliche Gott dafür aufbringen muß. Die Körperspannung und -haltung, nur wenige Zehen berühren noch den Boden, lassen es so erscheinen, als sei Merkur schon wieder auf der Weiterreise – die Weltkugel im Gepäck.
Für eine derartige Darstellung lassen sich weder in der Bildenden Kunst noch in literarischen Quellen Vorbilder identifizieren. Anders als zum Beispiel in der Malerei, die vornehmlich narrative Zusammenhänge illustriert, tritt Merkur hier nämlich nicht als Protagonist einer mythologischen Erzählung auf, sondern vielmehr als Symbolfigur in einem allegorischen Handlungsmoment. Neben der eigentümlichen ikonographischen Bildfindung und dem repräsentativen Format wirft nicht zuletzt die höchstwahrscheinlich unikale Ausführung – es konnten keine weiteren Güsse nachgewiesen werden – die Frage nach dem spezifischen Entstehungsanlaß und Bestimmungsort der Bronzeplastik auf.
Die Gebrüder Heine in Leipzig
Über die historischen Zusammenhänge gibt eine mitten im Bildgeschehen platzierte Bezeichnung Auskunft. Auf dem gespannten Band in Merkurs Händen finden sich nämlich links und rechts der Erdkugel die Schriftzüge LEIPZIG und GEBR. HEINE. In Leipzig lebte und arbeitete der gebürtige Böhme Rudolf Saudek von 1909 bis 1938. In jenem Zeitraum operierte ebenda eine Firma unter gleichlautendem Namen enorm erfolgreich: die Tuchhandelsfirma “Gebrüder Heine“. Ab 1907 übernahmen die Brüder Max Hermann und Fritz Ferdinand Heine das schon 1865 gegründete Unternehmen von ihrem Vater. Der hatte mit der Fokussierung auf den Versandhandel einerseits und die Zielgruppe des Schneidereigewerbes andererseits den Grundstein für eine weitläufige Distribution und ein wachsendes internationales Ansehen gelegt. So hatte die Firma alsbald auch im europäischen Ausland Vertretungen eingerichtet und einen breiten Kundenstamm gewonnen.[2] Im Jahr 1912 ließen die Brüder dem prosperierenden Unternehmen schließlich einen imposanten Firmenhauptsitz in der damaligen Tauchaer Straße 25-27 errichten (Abb. 2).
In der Haupteingangshalle ebenjenes Neubaus empfing Rudolf Saudeks Merkur seit 1915 die Besucher.[3] Eine alte Photographie dokumentiert die ursprüngliche Aufstellung der Bronze auf einem hohen Steinsockel, der heute wohl nicht mehr erhalten ist (Abb. 3). Aus der darin eingelassenen Widmungstafel geht hervor, daß die Plastik anläßlich des 50-jährigen Geschäftsjubiläums vom Personal dem Haus gestiftet wurde. Ob die Wahl auf Rudolf Saudek fiel, weil sich Künstler und Unternehmer möglicherweise kannten – immerhin waren alle drei jüdischen Glaubens und engagierte Mitglieder der Leipziger Gemeinde – ist nicht belegt. Sicher ist jedoch, daß sich gerade Merkur dafür anbot, als Firmenpatron und -repräsentant die Besucher und Kunden der Gebrüder Heine in Empfang zu nehmen.
Merkur und der Tuchhandel
Obwohl schon dem griechischen Hermes neben der Botenfunktion u.a. auch das Patronat über den Handel oblag, stellten die Römer gerade die merkantilen Kompetenzen ihres Götterpendants an erste Stelle.[4] Reisenden, Kaufleuten und Händlern verspricht Merkur seit jeher sicheres Geleit und lukrative Geschäfte. Gleichzeitig repräsentieren seine Eigenschaften und Talente – die im Wesentlichen im Zusammenhang mit seiner Funktion als Überbringer und Vermittler stehen – essentielle Qualitäten und Kriterien einer erfolgreichen Warenwirtschaft: so etwa Schnelligkeit, Agilität, Intelligenz und rhetorische Kompetenz. Daß sich Merkur damit besonders für das Patronat eines international agierenden Handelsunternehmens qualifiziert, hatte die Belegschaft im Hause Heine schon früher erkannt. So überreichte das Personal dem damaligen Leiter Hermann Heine bereits zum 25-jährigen Firmenbestehen im Jahr 1890 eine Ehrenurkunde, die mit einer Darstellung des Götterboten illustriert war. Diese orientierte sich an Giambolognas “Mercurio volante“ und ließ zu dessen Füßen bereits vage angedeutet das Erdenrund erkennen (Abb. 4).
In Saudeks individualisierter Auftragsarbeit rückt die Weltkugel nunmehr ins Zentrum des Bildgeschehens, denn im Gegensatz zu Giambolognas “Merkur“, der leichtfüßig über den Globus schwebt, muß ihn der Patron der Firma Heine unter sichtbarer Kraftanstrengung umspannen und anheben. Diese Interaktion rückt einerseits eine globale Trag- und Reichweite in den Mittelpunkt, deren Bewältigung andererseits das Prinzip einer lenkenden und leitenden Hand sowie Qualitäten wie Kraft und Willen voraussetzt. Als Geschenk der Belegschaft kommt darin vor allem eine Würdigung der hochgeschätzten Führungsqualitäten der Unternehmensleitung zum Ausdruck. Denn deren kompetenter Direktive war es zu verdanken, daß selbst in Krisenzeiten sichere Arbeitsplätze und komfortable Arbeitsbedingungen gewährleistet werden konnten.[5] Gleichzeitig findet sich darin auch ein allegorischer Verweis auf ein kennzeichnendes Vertriebsmerkmal der Firma Heine. So waren Mobilität und Weitläufigkeit für deren Warenhandel von besonderer Bedeutung, denn im Gegensatz zu herkömmlichen Kaufhäusern vertrieben die Gebrüder Heine ihre Stoffe und Muster über den damals noch jungen Großversandhandel,[6] dessen Anforderungen umso mehr das Amt eines fähigen Boten und Vermittlers erforderlich machten. Daß Merkur dabei aussieht, als gehe er mit einem Paket auf Reisen, mag indes nur eine zufällige Analogie sein.[7]
Der vernichtenden Politik der Nationalsozialisten hatte die Firma trotz Merkurs Patronat nichts entgegenzusetzen. So wurde die Familie Heine sukzessive enteignet und aus dem Unternehmen gedrängt. Im Zuge der sogenannten Arisierung fiel die Firma im Laufe des Jahres 1938 völlig in die Hände der Nationalsozialisten und wurde in die TUAG Tuchhandels AG überführt. Sehr wahrscheinlich mußte im Zuge dessen auch die Bronzeplastik weichen, immerhin war ihr Schöpfer ebenfalls Jude.
Als solcher war Rudolf Saudek 1938 schließlich gezwungen, sein Atelier aufzugeben und nach Prag zu ziehen, von wo er vier Jahre später in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde. Nach seiner Befreiung kehrte er in die Hauptstadt der damaligen Tschechoslowakei zurück, wo er 1965 verstarb. Die Wege, die sein Merkur ab 1938 ging, ließen sich bisher jedoch leider nicht genau ermitteln.
Das Werk wurde bei “The Art Loss Register (ALR)“ und der “Lost Art-Datenbank“ geprüft.
Martin Weyand
Fußnoten:
[1] Daß es sich nicht um Perseus handelt, der ebendiesen Flügelhut im Kampf gegen Medusa trug (Apollodor, Bibl. 2,4,3), legen die Widderköpfe am Podest nahe. In Anlehnung an sein griechisches Pendant Hermes, der auch als Hermes Kriophoros (Widderträger) verehrt wurde, stellten die Römer Merkur oft in Begleitung von Widdern oder Ziegenböcken dar.
[2] Vgl. dazu: Lorz, Andrea: Strebe vorwärts. Lebensbilder jüdischer Unternehmer in Leipzig; Leipzig 1999, S. 42-45
[3] ebd. S. 41
[4] Wie es allein schon der vom lateinischen Wort merx („Ware“) abgeleitete Name bekundet.
[5] ebd. S. 21
[6] ebd. S. 14
[7] Tatsächlich dürfte ein Großteil der Belegschaft in der “Packerei“ beschäftigt gewesen sein, die sich ebenfalls im Erdgeschoß der Firmenzentrale befand. Vgl. ebd. S. 35
Vergleichs-Abb.:
Abb. 1: Giambologna (nach), „Mercurio volante“, 4. Viertel 19. Jh., Bronze / Kalksteinsockel, 73,0 x 13,3 x 22,6 cm (Plastik inkl. Plinthe und Sockel), Inv.-Nr. 173.1985, Köln, LETTER Stiftung, Photonachweis: © Bonn, Jean-Luc Ikelle-Matiba
Abb. 2: o.A., „Geschäftshaus der Gebrüder Heine“, um 1915, Postkarte, Photo: https://www.ansichtskartenversand.com
Abb. 3: o.A., „Merkur“, wohl 1915, Photographie, Prag, Quelle: Archives of the Jewish Museum, Rudolf Saudek Personal Collection, Photographs – reproductions of artworks, inv. no. 82, box 4.
Abb. 4: Springer, Hermann (Verl.), „Urkunde zum 25-jähriges Jubiläum“, 1890, Lithographie, S. 29
Quellen:
Lorz, Andrea: Strebe vorwärts. Lebensbilder jüdischer Unternehmer in Leipzig; Leipzig (Passage-Verlag) 1999