Neuerwerbung Bildhauerei
Unbekannt (England oder Nordamerika, um 1800)
Freimaurerischer Ritualschädel
um 1770-1820
Holz, geschnitzt, farbig gefaßt und bemalt; unterseitig blaues Papier (teils abgelöst) aufgeklebt
rückseitig unten aufgeklebt ein Zettel aus ehem. weißem, geripptem Büttenpapier, darauf in dunkelbrauner Feder zwischen zwei globenbekrönten Säulen "76"
14,5 x 12,4 x 10,0 cm (Skulptur; Ausrichtung en face)
Inv.-Nr. 2014.25.0
© Photos: Jean-Luc Ikelle-Matiba, Bonn
Vor Aufnahme in die Loge hatten Anwärter in der sog. dunklen Kammer einen Eid abzulegen, in einigen Fällen auf einen Schädel. Leicht unterlebensgroß, aus sandhaltiger Modelliermasse und beinfarben gefaßt, weist dieser aufgemalte Freimaurer-Symbole sowie in versaler Antiqua geschriebene Buchstaben auf:
Mittig auf der Stirn das "Auge der Vorsehung", das Auge Gottes. Am Hinterkopf eine Maurerkelle, Sinnbild einerseits der gleichsam wie Stein und Stein mittels des Mörtels verbindenden Tätigkeit innerhalb der Loge, andererseits der Philanthropie schlechthin. Auf der linken Schädelseite das Sonnenantlitz, auf der rechten dasjenige der zunehmenden Mondsichel, umkreist von sechs Sternen. All diese Symbole zusammen indizieren den Kosmos und damit wiederum Gott. Auf der Kalotte findet sich der Buchstabe "G" für "Geometria" im rautenförmigen Feld, gebildet durch die einander kreuzenden Schenkel von Zirkel und Winkelmaß - beides Insignien des maurerischen Meistergrades. Auf ungefährer Höhe der Ohren findet sich zu beiden Seiten jeweils der Buchstabe "A" als Verweis auf den Gehörsinn "auditus"; das unter beiden Augenhöhlen zu lesende "V" meint den Gesichtssinn, lat. "visus". Über dem nahezu zahnlosen Oberkiefer mahnt der Buchstabe "T" an das Gebot der Diskretion und Verschwiegenheit, lat. "taciturnitas". Sämtliche Buchstaben sind mithin entsprechend dem Ort des jeweiligen Wahrnehmungs- bzw. des Sprechvermögens am Schädel lokalisiert.
An dessen rückwärtigen Unterseite wurde ein Stück Papier mit einer Handzeichnung und Beschriftung aufgebracht. Diese zeigt die Zahl "76" zwischen den globenbekrönten Säulen, jenen ehernen namens Jachin und Boas im Salomonischen Tempels zu Jerusalem, die bis heute essentielle Symbole des freimaurerischen Ritus' sind. Die 76 könnte sich auf eine der in Nordamerika zahlreichen, mit eben dieser Zahl sowie dem jeweiligen Ortsnamen benannten Logen beziehen: Sie deutet auf das Jahr 1776, auf die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika hin, an deren Zustandekommen Freimaurern eine historisch bezeugte Beteiligung zukommt. Sie könnte ferner das Jahr 1776 meinen, als die 1717 gegründete "Grand Lodge of London and Westminster" ihre "Freemason's Hall" in London bezog.
Nach England oder nach Nordamerika als Herkunfts- und einstigem Ritualgebrauchsland dieses wohl im 18. Jahrhundert entstandenen Schädels verweisen jedenfalls auch die Buchstaben "A", "V" und "T"; so lautet doch die Devise dezidiert der englischen Grand Lodge "audi vide tace" ("höre schaue schweige").