Historische Drucktechniken unter der Lupe / A closer look at historical printing techniques
Der Forschungsaufenthalt der portugiesischen Künstlerin Flor de Ceres Rabaçal
Anfang 2025 erreichte uns die Anfrage einer Forscherin aus Portugal, die Bezug auf das 2022 in der Reihe LETTER Schriften veröffentlichte Kompendium „Mich schaudert dieses Krieges. Die graphischen Zyklen zum Ersten Weltkrieg“ nahm: Flor de Ceres Rabaçal, Doktorandin an der Fakultät für Bildende Künste der Universität Porto, bekundete ihr Interesse, die Bestände der Stiftung für ihre Promotionsarbeit zu sichten, die sich ebenfalls mit Druckgraphik zum Ersten Weltkrieg beschäftigt. Im Zentrum ihrer Untersuchung steht Adriano de Sousa Lopes (Leiria 1879-1944 Lissabon), der einzige offizielle künstlerische Kriegsberichterstatter Portugals. Seine in diesem Kontext entstandenen Radierungen sind zwar – anders als beabsichtigt – nie veröffentlicht worden, doch neben zahlreichen weiteren Zeugnissen der Zeit in Archiven und Sammlungen weltweit erhalten.
Flor, selbst Künstlerin, beschäftigt sich besonders mit historischen Bedingungen der Graphikproduktion: In einer Art „Archäologie der Druckgraphik“[1] analysiert sie Drucke, um die Methoden der betreffenden Künstlerinnen und Künstler nachzuvollziehen und letztendlich nachzubilden. Diese praktische Herangehensweise soll unbekannte oder aufgegebene Techniken ans Licht bringen und für die eigene künstlerische Praxis nutzbar machen.
LETTER Stiftung versprach für sie durch den umfangreichen Sammlungsbestand sowie die spezialisierte Fachbibliothek ein besonders fruchtvolles Arbeitsumfeld. Komplementär ergänzt wurde dieses durch die Möglichkeit, die Coesfelder Künstlerdruckerei LETTER Presse für die Umsetzung ihrer künstlerischen Stichproben zu nutzen.
Ihre Idee eines Forschungsaufenthaltes unterstützte der Vorstand gern – nicht nur, weil die Förderung solcher Vorhaben genuiner Stiftungszweck ist. Es freute uns besonders, daß unser als Nachschlagewerk realisiertes und von der Fachwelt so rezipiertes Buch eine derart kreative Beschäftigung mit dem Thema zur Folge hatte.
The research residency of the Portuguese artist Flor de Ceres Rabaçal
In early 2025, we received an enquiry from a researcher in Portugal who referred to the compendium ‘Mich schaudert dieses Krieges. Die graphischen Zyklen zum Ersten Weltkrieg’, published in 2022 as part of the LETTER Schriften series. Flor de Ceres Rabaçal, a PhD candidate from the Faculty of Fine Arts at the University of Porto, expressed her interest in examining the foundation’s collections for her doctoral thesis, which also focuses on print art related to the World War I. At the centre of her research is Adriano de Sousa Lopes (Leiria 1879–1944 Lisbon), Portugal’s only official war artist. Although the etchings he created in this context were never published as originally intended, they have been preserved in his estate, with copies existing in different archives and collections around the world.
Flor de Ceres, an artist herself, has a vested interest in the historical conditions of printmaking: making use of a research method known as ‘Technological Archaeology’[1], she analyses these prints technical and historical aspects in order to understand and ultimately recreate the methods of the artists in question. This practical approach aims to bring unknown or abandoned techniques to light, repurposing them for her own artistic practice.
Thanks to its specialist library, collection and archive, LETTER Stiftung not only offered a particularly fruitful working enviroment for Flor, but also the opportunity to use the Coesfeld-based artists’ print workshop, LETTER Presse, to produce her own prints, which greatly complemented her research.
The board was delighted to approve her proposal for a three-month research stay – not only because supporting such projects is one of the foundation’s core objectives. We were particularly pleased that our book, published as a reference work and so well received by the academic community, had inspired such a creative exploration of the subject.
Der Aufenthalt
Drei Monate bewohnte Flor die für solche Aufenthalte vorgesehenen Räume der Kölner Forschungsstelle. Sie studierte die für ihre Untersuchung relevanten Werke bzw. die entsprechende Literatur und fertigte Arbeitsproben, die sie während zweier Aufenthalte in der LETTER Presse druckte. Zugleich regte der stete Austausch uns zu weiteren Recherchen an: So konnte unter anderem die Dokumentation zur biographisch weiterhin kaum faßbaren Adelheid von Chlingensperg (Bad Reichenhall 1887-1944 Auschwitz (KZ)) um bedeutende kriegsbezogene Arbeiten dieser Graphikerin erweitert werden.
Neben vielen großen und kleinen Entdeckungen war ein zweitägiger Radier-Workshop für das Stiftungs-Team der Höhepunkt von Flors Besuch: Unter ihrer geduldigen Anleitung, inklusive vieler Tips und Tricks, präparierten wir Radierplatten, entwarfen Motive und brachten diese auf die Platten. Nach dem Ätzen entstanden – in Ermangelung einer Druckpresse in der Kölner Forschungsstelle – Abzüge auf Gips statt Papier.
Die meisten praktischen und logistischen Aspekte von Druckgraphik lassen sich außerhalb des Künstlerateliers relativ problemlos bewältigen; schwieriger ist das eigentliche Drucken. Ihre Forschungen zu den Krieg thematisierenden Künstlern und deren Mappenwerken veranlaßten Flor, nach Lösungen für das Drucken vor Ort zu suchen. Ihre Forschungsgruppe „Pure Print Archaeology“ hatte sich mit diesem Thema bereits mit Blick auf Lithographien befaßt und dabei eine kleine, transportable Lithopresse entwickelt. Während ihres Aufenthalts bei LETTER Stiftung galt es, einen Weg zum Drucken von Radierungen ohne Presse zu finden. Dabei erzielte sie mit Gips zufriedenstellende Ergebnisse. Diese weitgehend in Vergessenheit geratene Methode ist nur für wenige Künstler bezeugt, namentlich Stanley William Hayter (London 1901-1988 Paris), Gründer des „Atelier 17“ in Paris, und Roger Vieillard (Le Mans 1907-1989 Paris), Erfinder des „Vieillard-Gipsdrucks“.
Die Vorzüge und Risiken dieser pragmatischen Art des „Druckens“ kennenzulernen war lehrreich und lustig zugleich: Neben viel Bruchware gab es auch viele kreative Überraschungen.
Abschließend stellte uns Flor die während ihres Aufenthaltes gewonnen Erkenntnisse vor; dann mußten wir sie, die durch ihr fokussiertes und autarkes Wesen schnell ein geschätzter Teil des Teams geworden war, schon wieder verabschieden. Die gemeinsame Zeit und der interdisziplinäre Austausch mit einer auf so vielen verschiedenen Gebieten versierten Kollegin waren für alle lehrreich und ispirierend.
Her Stay
Flor spent three months living in the flat that LETTER Stiftung set aside for such stays. She studied the works relevant to her research, as well as the corresponding literature, and produced samples of her work, which she printed at LETTER Presse during two stays there. At the same time, the constant exchange inspired us to undertake further research: amongst other things, this enabled us to expand the documentation on Adelheid von Chlingensperg (Bad Reichenhall 1887–1944 Auschwitz (concentration camp)), whose biography remains largely elusive, including significant works by this graphic artist relating to the war.
Alongside many discoveries, both big and small, a two-day etching workshop for the foundation’s team was the highlight of Flor’s visit: under her patient guidance, which included plenty of ‘tricks of the trade’, we prepared etching plates, designed motifs and transferred them onto the plates. After etching – in the absence of a printing press in the Cologne research centre – we made proofs on plaster instead of paper.
Most practical and logistical aspects of printmaking outside the etching studio can be addressed with relative ease, with the more difficult procedure to adapt being that of printing. Her research into war portfolios and war artists compelled her to find solutions that would allow for printmaking out on the field, which is how plaster printing came to be. Her research group, ‘Pure Print Archaeology’, already tackled this particular issue with respect to lithographic printing, having designed and developed a small, portable lithographic press. For practical reasons, during her stay at LETTER Stiftung she chose to find another way to circumvent the need for a press, and plaster was able to produce satisfactory results. Though a largely abandoned technique, there were a few individuals throughout the history of print that used this method, namely Stanley William Hayter (1901–1988), founder of ‘Atelier 17’ in Paris, and Roger Vieillard (1907–1989), author of the ‘Vieillard plaster-print’.
Learning about the advantages and risks of this pragmatic method of ‘printing’ was both educational and fun: Alongside a lot of broken items, there were also many creative surprises.
Finally, Flor shared with us the insights she had gained during her stay; then we had to say goodbye once again to her – someone who, thanks to her focused and self-reliant nature, had quickly become a valued member of the team. The time spent together and the interdisciplinary exchange with a colleague so well-versed in many different fields were instructive and inspiring for everyone.
Flors Fazit zu ihrem Aufenthalt und dem Fortgang ihrer Forschungen:
Die Zeit in Köln erwies sich als äußerst bereichernd für den Fortschritt meiner Doktorarbeit und meine eigene künstlerische Praxis. Als Übung zur Einordnung dessen, was genau die Praktiken von Künstlern an der Front im weiteren Sinne ausmacht, war sie von unschätzbarem Wert; Zugang zu den in diesem Zusammenhang entstandenen Originalwerken zu erhalten, ermöglichte mir ein viel fundierteres Verständnis dafür, unter welchen Bedingungen diese Künstler arbeiteten und welche Ansätze sie verfolgten.
Der „neuen Ästhetik des Kampfes“, wie sie Robert de La Sizeranne (1866-1932) in „L’Art pendant la guerre 1914-1918“ (Paris 1919) beschreibt, konnte ich auf diesem Weg unmittelbar nachspüren. Im Gegensatz zu den Verhältnissen im C.E.P., dem portugiesischen Expeditionskorps, und zu Adriano de Sousa Lopes’ eigenen, in seinen Briefen beschriebenen Erfahrungen, gab es im deutschsprachigen Raum ein vergleichsweise gut strukturiertes Arbeitsumfeld für die Künstler-Soldaten. Der Zugang zu den Archiven der Stiftung ermöglichte es mir nicht nur, große Fortschritte bei meiner Forschung zu Kriegsmappen im Allgemeinen zu machen, sondern auch das Werk von Sousa Lopes besser zu verstehen.
Der Aufwand, den Vorstand und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Zusammenstellung der Informationen aus ihrer Publikation, ihrer Bibliothek und ihrer bemerkenswerten Graphiksammlung betreiben, ist beeindruckend. Es war ein unglaubliches Privileg, einen Blick hinter die Kulissen werfen zu dürfen, Zugang zu den Beständen zu erhalten, direkt mit den Materialien zu arbeiten, ihre Herangehensweisen und ihre Arbeitsethik zu beobachten und – was besonders wichtig ist – ihre Gesellschaft zu genießen (ich erinnere mich gerne an unsere Gespräche während der Mittagspause).
Durch interpretatives Kopieren fertigte ich Dutzende von Zeichnungen sowie mehrere Radierplatten an. Sie ermöglichten es mir, die Rahmenbedingungen, die technischen Ansätze sowie die graphischen Fähigkeiten dieser Künstler besser zu verstehen und einen direkteren Vergleich mit Adriano de Sousa Lopes’ eigener Praxis anzustellen. Um meine Platten zu radieren und auf Papier zu drucken, wandte ich mich an Gintare Skroblyte, die Leiterin LETTER Presse in Coesfeld. Unglaublich hilfsbereit und überaus freundlich hat sie mir bei allen Fragen und Anliegen zur Seite gestanden.
Der Team-Workshop bestimmte meine letzten Tage in Köln. Nicht nur bot er die Gelegenheit, einige Ideen des in-situ-Drucks hinsichtlich ihrer Praktikabilität zu überprüfen, sondern auch die Möglichkeit, mich bei der Stiftung für ihr Entgegenkommen und die angenehme Zusammenarbeit mit einer lehrreichen, hoffentlich auch unterhaltsamen und faszinierenden Erfahrung zu bedanken.
Ich freue mich darauf, die theoretischen und praktischen Erkenntnisse aus meiner Zeit dort bei weiteren Gelegenheiten anzuwenden: bei der Veröffentlichung von „ETCHING IN SITU. On Technical Desires, Grounds, and the Conditions of Making“ (Arbeitstitel), einem umfangreichen und ambitionierten Buch über in-situ- und nomadische Druckkunst, dessen Veröffentlichung für 2027 geplant ist, meiner (noch unvollendeten) Doktorarbeit sowie einer großen Ausstellung, die 2027 im Militärmuseum in Lissabon stattfinden wird.
Petra Aescht / Flor de Ceres Rabaçal
Fußnoten:
[1] Diese Methode geht auf ihre Betreuerin, Graciela Machado, zurück; vgl.: Belkot, Marta / Silva, António / Lima, Rafaela / Machado, Graciela: Towards Archaeological Printmaking; in: IMPACT. Printmaking Journal H. 6, 2023 (https://doi.org/10.54632/22.7.IMPJ12, Aufruf 20.08.2026)
Abbildungen:
© Flor de Ceres Rabaçal
Flor’s conclusion on her stay and the progress of her research:
The period I spent at the Foundation proved to be tremendously enriching for the progress of my PhD research and my own artistic practice. As a contextualizing exercise of what exactly defines the war artist’s approach, in a macro sense, it was indescribably valuable; the opportunity afforded to me in accessing the original specimens produced in this context allowed me to gain a much more solid grasp of the conditions these artists found themselves in, and what types of solutions they employed.
Importantly, I was able to witness first-hand a ‘new aesthetic of battle’, as suggested by Robert de La Sizeranne (1866–1932) in ‘L'art pendant la guerre 1914-1918’ (Paris 1919). Contrary to what took place in C.E.P., the Portuguese Expeditionary Corps, and to Sousa Lopes’ own lived experience, described by himself in correspondence available on record, there was a comparatively well structured system of labour for the artist-soldier in the German speaking world. Having access to the Foundation’s archives allowed me not only to make great strides in my research on war portfolios in a general sense, but also to better understand Sousa Lopes’ own work.
The monumental task the board and all the staff had in gathering the invaluable information found in their publication, their library and their remarkable collection of prints is awe-inspiring. It was an incredible privilege to be allowed to look behind the curtain, access their archive, work directly with the materials, observe their working methods and working ethic, and, importantly, to enjoy their company (I remember our lunch-time conversations fondly).
During this time, I was able to produce dozens of drawings as well as several etching plates in an exercise in interpretative copying. These allowed me to better understand these artists’ technical preoccupations, conditions, solutions and graphic abilities, and to establish a more direct comparison with Adriano de Sousa Lopes’ own print practice. In order to etch my plates (and to print them on paper), I contacted Gintare Skroblyte, the person responsible for managing LETTER Presse in Coesfeld. Gintare was remarkably helpful and tremendously kind, assisting me with any inquiry or need I had.
The workshop for the foundation‘s team marked my final days in Cologne, and not only was it an attempt to validate a few notions regarding the possibilities of in situ printmaking, it was also a way to give back something to the foundation, to thank them for being so accomodating and such a pleasure to work with, and, ultimately, to provide them with an educational but also hopefully fun and engaging experience.
I look forward to share my conclusions from my time there, both theorical and practical, in three future moments: the publication of ‘ETCHING IN SITU: On Technical Desires, Grounds, and the Conditions of Making’, (working title), an extensive and ambitious book on in situ and nomadic printmaking, scheduled to be published sometime in 2027, my PhD manuscript (as of yet unfinished) and a large exhibition to be held in Lisbon’s Military Museum in 2027.
Petra Aescht / Flor de Ceres Rabaçal
Notes:
[1] A method created by her advisor, Graciela Machado. For more information, please refer to: Belkot, Marta / Silva, António / Lima, Rafaela / Machado, Graciela: Towards Archaeological Printmaking; in: IMPACT. Printmaking Journal H. 6, 2023 (https://doi.org/10.54632/22.7.IMPJ12)
Images:
© Flor de Ceres Rabaçal